Findungen

Grüße von Gertrude
Die unendlichen Welten des Rolf Kilian

Autorin: Petra Mostbacher-Dix, freie Journalistin

„Man muss sich auf das Entdecken beschränken und auf das Erklären verzichten“, konstatierte einst mit nonchalanter Prägnanz Georges Braque. Damit ist freilich nicht alles, was über die Kunst geschrieben wurde und wird, obsolet. Sicher baumelt über jedem Kunstschreiber dieses Damoklesschwert, das da fragen lässt, ob es überhaupt möglich sei, Visuelles angemessen in Worte zu fassen. Braque, der berühmte Kubist, wollte Anfang des letzten Jahrhunderts indes vor allem eines tun, dem erlauchten Kunstpublikum die Leviten lesen in Sachen Sehen. Mit einem schnellen Blick ist es eben nie getan. Der Kunstteufel steckt im Detail oder besser in den Nuancen. Auch bei Rolf Kilian: Mag der Betrachter seine Werke schon zigfach gesehen haben – er hat sie nie ganz gesehen.

Der Künstler macht es sich und seinem Publikum nie leicht. Das ist gut so!  Über die Jahre hat er bewiesen, dass in seinem bildnerischen Spiel zwischen Farbe, Linie, Fläche, Raum und Architektur unendliche Möglichkeiten stecken. So griff Kilian zunächst in den Raum ein, indem er mittels ausragender Latten die Leinwand verlassen, diese erweitert hat. Dann forderte er die Sehgewohnheiten des Publikums, indem er monochrome Papierarbeiten wie Scherenschnitte in erklecklicher Anzahl an der Wand platzierte und sie Formendialoge führen ließ. Daraufhin drehte er – ein einfacher, gleichwohl genialer Kunstgriff – quadratische oder rechteckige Leinwände aus der goldenen Mitte des 90°-Winkels. Und schließlich platzierte er hölzerne, zwischen Amorphität und Geometrie angelegte Bildträger mit Abstandhalter vor der Wand und initiierte Spiele des Schattens, Lichts, Farbe und Form. Damit nicht genug, wie seine jüngsten Werke zeigen, in denen er sich aus der Fläche heraus auf die Suche nach dem Raum macht und diesen auf faszinierende Weise findet.

„Die Kunst ist das Spiel der menschlichen Freiheit mit sich selbst“, sagte der Politiker und Schriftsteller Heinz Winfried Sabais. Wer wagt, gewinnt? Aber ja. Einmal mehr erreicht Rolf Kilian das, was er einem Zauberer gleich beherrscht: Er versetzt das Bild in jenen faszinierenden Schwebezustand, der Tag für Tag, Standpunkt für Standpunkt, Lichteinfall für Lichteinfall die Wahrnehmung des Schauenden fordert und seine Kunst neu entdecken lässt. Die Gratwanderung ist gelungen. Sie kann durchaus als Parabel für die komplexen Dinge des Lebens stehen, aber auch einfach als Bild. Denn ein Bild ist ein Bild und nochmals ein Bild. Gertrude Stein lässt gerne grüßen. Damit ist der Fortgang des Weges offen und dem Betrachter zur eigenen Interpretation anheim gelegt. Gesetz dem Fall, er frönt dem Hobby von Max Ernst. Wie antwortete der Surrealist noch, als man ihn fragte? „Sehen!“. Ob das Braque wusste? Gefallen hätte es ihm auf jeden Fall.